Obdachlos

Penner? Berber? Obdachlose? Menschen!

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Es gibt viele Bezeichnungen für Menschen, die auf der Straße leben.

Je größer die Stadt, desto mehr sieht man. Man schaut, denkt “ Penner“ und geht weiter.

 

Ja, genau das habe ich auch getan. Bis zu einem Tag, der etwa 22 Jahre zurück liegt. Damals wohnte ich noch in Gladbeck, mitten im Ruhrpott – meiner ursprünglichen Heimat.

Gegenüber von meiner Lieblings-Pizzeria saß ein Mann auf dem Boden und bettelte. Ich wollte mir eigentlich nur eine Pizza zum Mitnehmen bestellen. Nachdem ich ihn aber kurz beobachtet hatte, ging ich dann zu ihm hin.

Ich war neugierig, wer dieser Mann war.

„Warum bettelst du hier?“

„Ich würde gerne etwas essen und trinken“

„Mh, Alkohol ?“

„Nein, ich trinke keinen. Wasser und ein Brötchen würden reichen“

„Ich wollte mir grad ne Pizza holen. Auch eine? Ich spendier sie.“

Und dann kam ein Moment – Die Augen des Mannes nachdem ich diese Frage gestellt habe, werde ich nie vergessen.

Lange Rede, kurzer Sinn. Ich holte zwei Pizzen, zwei Cola und hockte mich – nach seiner Erlaubnis – neben ihn. Komisches Gefühl. Auf der Straße sitzen, quasi mitten in der Fußgängerzone, die Blicke der Leute.

Wir aßen aber ungeachtet der Blicke unsere Pizzen und unterhielten uns.

Er war alles andere als ungebildet. Seine Geschichte war eine, die fast jeden hätte treffen könnte.

Ich würde schon von mir behaupten, dass ich eine gewisse Menschenkenntnis besitze, sicherte mich aber dennoch ab und testete ihn. Die Geschichte seines Lebens stimmte, könnte sogar fast jedem von uns passieren, aber darauf gehe ich nun nicht weiter ein. Jedes seiner Worte brachte mich mehr und mehr zum Nachdenken.

Es war für mich eine Erfahrung, die mich geprägt hat.

Ich ging seit dieser Begegnung mit offeneren Augen durch die Straßen, aus „Pennern“ waren für mich „Obdachlose“ geworden.

 

Obdachloser

 

Das zweite Erlebnis war in Leipzig. Ich besuchte meine Tochter im November und half beim Umzug.

Ein Mann setze sich auf eine Decke…abends…und ich dachte nur, es ist doch eigentlich bitterkalt.

Angesprochen – Er wollte  Geld für ein warmes Getränk. Meine Tochter und ich gingen schließlich zur nächsten Burger King Filiale, holten ihm ein Menü und einen Pfefferminztee zum Aufwärmen.

Auch diesen Blick werde ich nie vergessen. Er aß und trank mit Genuss.

Und das nicht, weil wir daneben standen! Wir haben ihn unbemerkt beobachtet und geschaut, was er mit den Dingen tut. Was er vorher sagte war wahr. Es ging ihm um etwas Warmes.

 

Vor drei Wochen in Berlin dann das:

Ich war schon mit Obdachlosen-Zeitungen gut ausgestattet. Hier ein Euro, da ein paar Cent oder eine Zigarette. Während unserer Sightseeing-Tour gönnten wir uns eine Pause in einem Eiscafe. Nach wenigen Minuten kam eine Frau an unseren Tisch und fragte nach Geld. Ich fragte wofür. Für ein kühles Getränk war die Antwort.

Ok. Geld nicht, aber ich spendiere etwas zu trinken oder Eis.

Sie nahm das dankbar an, fragte, ob ein Saft ok wäre und setzte sich – erst nachdem ich ihr einen Platz angeboten hatte – relativ schüchtern zu uns.

Dann erzählte sie von ihrem Leben und fragte nach meinem Mann. Ok, ich erzähle die Geschichte der letzten Monate anders und behauptete, er wäre arbeiten.

Sie fragte aber immer wieder nach und schaute mich komisch an.

Dann sagte sie: Nimm dir ein Beispiel an deinem Mann. Warum rauchst du noch?

Ich war von den Socken: „Hä???“

Du solltest das lassen war ihr Kommentar. Dass mein Mann an einer Lungenkrankheit gestorben ist, die u.a. durch das Rauchen bedingt sein kann, hatte ich glaub ich schonmal im Blog erwähnt. Ich war innerlich schockiert. Warum fragte sie ständig danach und wieso war ihr mein Mann so ein langes Thema?

Was war das für eine Frau??? Sie geht mir nicht aus dem Kopf, auch ihre Geschichte nicht (die ich hier ebenfalls nicht erzählen werde).

 

Eigentlich sind das zwei Geschichten in einer die ich hier aufschreibe.

Aber allerspätestens nach dem seltsamen Treffen in Berlin sehe ich keine Penner, Berber, Obdachlosen mehr. Nur noch Menschen!!

 

Ich sehe obdachlose Menschen heute mit ganz anderen Auge. Es gibt Falsche und es gibt Ehrliche. Genauso wie bei denen, die ein Dach über dem Kopf und ein geregeltes Einkommen haben.

 

Vielleicht sollten wir alle einen offeneren Blick bekommen?

Was versäumen wir, wenn wir uns einfach mal mit dazu setzen und zuhören?

Nichts. Wir können nur gewinnen. An Erfahrung. An Dankbarkeit, wie gut es uns geht.

 

Eure Besenpilotin Steffi, die wieder mal grübelt 🙂

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